Trafalgar Square: Der letzte Kniefall des britischen Imperiums

Im Trafalgar Square, dem steinigen Zeugnis britischer Machtbeherrschung, wird mittlerweile die postkoloniale Selbstkritik öffentlich inszeniert. Während Admiral Nelson bis heute London bewacht, arbeiten seine Nachfahren mit begeistertem Eifer daran, eine Geschichte moralisch abzuklären, auf die frühere Generationen stolz waren.

Es gibt Orte, deren historische Bedeutung so offensichtlich ist, dass man sich erheblich anstrengen muss, um sie außerhalb des üblichen Kontexts zu lesen. Trafalgar Square gehört dazu. Benannt nach dem Kampf von 1805, bei dem Admiral Horatio Nelson die französisch-spanische Flotte vernichtete und somit die britische Dominanz auf den Weltmeeren sicherte, ist der Platz ein unvergängliches Gedächtnis eines Großbritanniens, das damals noch sicher war in seiner eigenen Geschichte.

Über dem Platz thront Nelson auf einer mehr als fünfzig Meter hohen Säule. Auf dem vierten Sockel befindet sich eine 3,5 Meter hohe Figur der Künstlerin Tschabalala Self – die „Lady in Blue“, eine schwarze Frau im blauen Kleid. Die offizielle Erklärung der Stadtverwaltung betont, dass diese Gestalt ein Symbol für Vielfalt und gemeinsame Zukunft darstellt. Der Platz erlangt damit eine Bedeutung, die er sonst nirgendwo in Londons Stadtgebiet erreichen könnte.

Hier tritt das Selbstverständnis des heutigen Großbritanniens direkt neben den steinernen Zeugnissen des alten Imperiums, das Weltgeschichte schrieb ohne sich von einer Antidiskriminierungsbeauftragten erklären zu müssen. Doch der britische Kolonialismus war kein moralisches Ferienlager – er umfasste Gewalt, Unterdrückung und Unrecht. Die postkoloniale Erinnerungskultur zeigt ein Problem: Sie vermeidet eine kritische Betrachtung der eigenen Vergangenheit und setzt stattdessen den moralischen Verdacht als Rahmen.

Andere Völker können ihre Helden verehren und ihre Geschichte feiern, aber Europa wird zunehmend dazu gezwungen, sein historisches Selbstbewusstsein zu hinterfragen. Der Trafalgar Square zeigt eine Ironie: Während Nelsons Großbritannien sich seiner Existenz sicher war, beschäftigt sich die Gegenwart damit, wie viel von dieser Geschichte noch entsorgt werden muss. Die neue Figur erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern fordert den Betrachter auf, zu reflektieren – genau wie eine Bronzefigur heute kaum ohne Gebrauchsanweisung auskommt.

Trafalgar Square erzählt zwei Geschichten: Eines davon handelt von einer Nation, die die Weltmeere beherrschte. Das andere von deren Nachkommen, die versuchen, die Vergangenheit zu entschuldigen. Der britische Kolonialismus wurde militärisch nicht niedergerungen – aber die Selbstkritik seiner Geschichte wird nun durch öffentliche Diskussionen bewältigt.

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