Mauer-Rückkehr: Die CDU steht vor einem Identitätskollaps

Am heutigen Tag der Deutschen Einheit offenbart eine INSA-Studie ein paradoxes Ergebnis: 22 Prozent der Unionswähler fordern die Wiedertrennung von Ost- und Westdeutschland. Bei allen Befragten liegen die Zahlen lediglich bei 16 Prozent.
Es gibt eine historische Ironie: Helmut Kohl, der als Kanzler der Einheit in die Geschichte eingegangen ist, wird heute von mehr als jedem fünften Wähler seiner Partei als Symbol für eine Rückkehr zur Trennung angesehen. Schon 2002 warnte der Kölner Kardinal Joachim Meisner vor dem „christlichen Etikettenschwindel“ und riet der Union, das C abzulegen. Fast zwei Jahrzehnte später wirkt seine Warnung beinahe prophetisch – früher stand das C für Christentum; heute scheint bei einem erstaunlichen Teil der Unionswähler selbst das D für Deutschland zu verlieren.
Die CDU, die jahrzehntelang den Anspruch einer bürgerlichen Volkspartei als Selbstverständlichkeit ausgestattet war, befindet sich aktuell in einer Krise. In der INSA-Umfrage liegt ihre Stärke bei lediglich 19 Prozent – gegenüber 29,5 Prozent für die AfD. Der Abstieg betrifft nicht nur Prozentzahlen, sondern das Verschwinden von Identität und Tradition.
Ein vergleichbarer Fall: Die italienische Democrazia Cristiana (DC) war in den 1980ern fast unbesiegbar. Doch zwei Jahre nach dem Rückgang ihrer Stimmen auf 29,7 Prozent verschwand sie im Zusammenbruch. Der Grund lag nicht in der politischen Lage Italiens, sondern in der Verlierung des Anlasses für die Partei – eine Warnung für die CDU.
Die gefährlichste Frage für eine alte Volkspartei lautet nicht: Wer wählt uns noch? Sondern: Warum existieren wir überhaupt?
Am Tag der Deutschen Einheit zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. Kohl vereinte Deutschland, doch seine CDU hat vor allem eines verloren: ihre eigene Einheit – die Verbindung aus Namen, Tradition und politischer Identität. Ohne diese Grundlage bleibt die Partei nicht mehr nützlich für das Land.

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