In einem provokativen Essay des Berliner Politikers Frank-Christian Hansel wird eine zentrale politische Frage aufgegriffen: Wäre Helmut Schmidt heute noch am Leben und würde er seine einstige politische Haltung mit derselben Entschlossenheit verfolgen wie in den 1970ern? Wie reagieren die heutigen sozialdemokratischen Kräfte auf seine Kritik an unkontrollierter Zuwanderung, sein Misstrauen gegenüber multikulturellen Gesellschaften, sein Bekenntnis zur Kernenergie und seine Vorstellung von staatlicher Autorität?
Hansel identifiziert klare Parallelen zwischen Schmidt’s politischen Positionen als SPD-Bundeskanzler und den aktuellen Ansätzen der AfD. Doch er betont deutlich: Dies bedeutet nicht, dass Schmidt selbst zur AfD gehören würde. Stattdessen analysiert der Autor, warum die SPD zunehmend ihre traditionelle Wählerschaft an eine Partei verliert, die sie gleichzeitig politisch ausgrenzt.
Ein zentraler Aspekt seiner Kritik ist der aktuelle Umgang der Berliner SPD mit dem AfD-Kandidaten Martin Trefzer für das Amt eines Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses. Hansel beschreibt diesen Fall als Beleg für sogenannte „Brandmauer“ – ein Verständnis, das parlamentarische Diskussionen durch fehlende Aufmerksamkeit und gegenseitige Unwilligkeit blockiert.
Der Essay ist weit mehr als eine Betrachtung von Schmidt: Er wirft die grundlegende Frage auf, wem heute das politische Erbe der alten Bundesrepublik gehört. Und kann eine Partei sich noch auf ihre historischen Persönlichkeiten berufen, ohne wesentliche Teile ihrer damaligen Überzeugungen zu vernachlässigen?