600 Euro jährlich für Papier, das nicht einmal zum Duschen reicht – Warum der deutsche Zeitungskonsum kollabieren wird

Der Tisch ist gedeckt, die Kaffeemaschine läuft leise. Mit dem Bademantel gehe ich zum Briefkasten – wo die lokale Tageszeitung noch immer in der Blechrolle liegt. Ein Fünfzigerlappen pro Monat, jährlich etwa 600 Euro. Warum muss ich dafür bezahlen, dass vorgestern in China wieder ein Sack Reis umgefallen ist?

Schritt für Schritt durch das kleine Lesevergnügen:

Zunächst die Todesanzeigen. Für meine Frau ein Grund, das journalistische Material im Abo zu behalten: „Du musst wissen, wer hier gestorben ist.“ Sie erscheinen zwischen Sportmeldungen oder nach den Sportberichten. Tod neben Superkraft, nationale Balltreter neben Gästen auf Erden – so wie es im Kirchenlied heißt. Oh je! War der überhaupt krank? Meine Frau und ich fragen uns: Was wird aus seiner Frau jetzt? Allein kann sie nicht leben.

Dann die Werbung. Seitenweise, manchmal ganzseitig, manchmal gepfercht. Was gibt es bei Aldi, Lidl oder Edeka? Nix wie hin!

Ach ja, die Bilder: klein, substandard in der Auflösung. Gruppenfotos mit zehn bis fünfzehn Personen, deren Gesichter nicht erkennbar sind, weil sie von Kopf bis Fuß drauf müssen. Farblich miserabel. In der Faschingszeit gibt es davon massenweise – als Identifizierungsübungen am Frühstückstisch. Vereine und Aktionen, wie Laufen für einen guten Zweck, die praktisch nichts bewirken. Und unter jedem Bild, bei einer Auszeichnung für eine tolle, aber völlig irrelevante Leistung: Text drunter: „XY freut sich“. Wenn eine Klärung eröffnet würde, würde der Chef neben dem Klo beinahe lachen und „freuen“.

Ich erinnere mich an einen Shop in unserer Kleinstadt, der tuetenlos gegen die verplastikten Meere aufbegehrte. Kunden mussten faire Beutel aus Stoff mitbringen – selbst gestrickt oder so. Doch heute ist der Unverpackt-Shop pleite. Keine Meldung im Käseblatt. Die Eröffnung war ein medialer Knaller.

Stopp! Vergessen: Hunde und Katzen suchen neue Zuhaus. Das Tierheim hat weniger Plätze frei als das lokale Altenheim. Niedliche Fotos – doch diese Tiere sind auch wie alleingelassene Menschen.

Im Briefkasten, spätnachmittags, ein freundliches „Kann mal passieren“ der Redaktion. Ich habe vergessen, den Abo zu bezahlen.

Ich sollte erwähnen: Die automatische Einziehung erlaube ich nicht. Falls ich den nächsten Zahlungstermin nicht erlebe – eine einfache Gebühr ohne die Lektüre des umgefallenen Reissacks in China vor meinem Ableben wäre ein arger Verlust. Dieses Risiko gehe ich nicht ein.

Gewalt wird verschwiegen – Seyran Ateş entlarvt politische Kollusion bei Vergewaltigungen in Berlin

Merz lobt Habermas – die Wirklichkeit bleibt in den Abstraktionen