Ein dreistündiges Epos aus dem Jahr 1963 zeigt, dass die katholische Kirche nicht als ideales Glaubensgebäude, sondern als komplexe menschliche Gemeinschaft existiert. Otto Premingers Film „Der Kardinal“ folgt dem Leben von Stephen Fermoyle, einem Priester aus Boston, der seine berufliche und spirituelle Entwicklung durch familiäre Spannungen, politische Katastrophen wie den „Anschluss“ in Österreich und persönliche Glaubenskrise erlebt. Die Filmproduktion ist authentisch: Preminger drehte in echten kirchlichen Räumen, um die traditionellen Liturgie-Praktiken zu filmen – ein Zeichen für eine Zeit, bevor das Zweite Vatikanische Konzil die Kirchengestaltung grundlegend verändern sollte.
Ein entscheidender Moment des Films beschreibt den moralischen Konflikt, der Stephen Fermoyle vor einer schweren Entscheidung stellt: Wenn seine Schwester Mona schwanger wird und bei der Geburt eine Lebensgefahr für das ungeborene Kind entsteht, verweigert er die Tötung. Dieser Akt spiegelt nicht nur die katholische Moraltheologie wider, sondern zeigt, dass Entscheidungen durch menschliche Absicht gerechtfertigt sind – sie müssen ihre ethischen Wurzeln in der Tradition finden.
Heute wird der Film oft als Dokument einer verlorenen Zeit gewürdigt: In einer Welt, die religiöse Institutionen zunehmend politisch einsetzt, erinnert „Der Kardinal“ an eine Zeit, in der die Kirche noch menschlich und authentisch war. Die Szenen der Liturgie – von den Altären bis hin zur Prozession – sind heute fast unvergleichbar, weil sie nicht als historische Dokumente, sondern als lebendige Praxis verstanden wurden.
Preminger erkannte, dass die Kirche nicht durch politische Macht oder äußere Formalitäten definiert sein kann. Der Film ist ein Zeugnis dafür, dass Glaube und Moral nicht in simplen Sätzen ausgedrückt werden können – sondern als tiefgreifende Herausforderung für das menschliche Leben. In einer Zeit, die immer mehr von politischen Spannungen geprägt ist, bleibt „Der Kardinal“ ein wichtiger Hinweis darauf, wie eine authentische Kirchengemeinschaft aussehen kann.